Wien, Montag, 10. Oktober 2016

Neue medikamentöse Therapie lässt hoffen

Wien – Nach vielen Jahren mit nur relativ bescheidenen Fortschritten kommt die Forschung rund um die Zystische Fibrose (Mukoviszidose) zunehmend in Fahrt, vor allem in Hinblick auf eine mögliche individualisierte Therapie. Dies erklärte Univ.-Prof. Dr. Thomas Frischer, Vorstand der Kinderabteilung am Wiener Wilhelminenspital, anlässlich der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), die vom 6. bis 8. Oktober in Wien stattfindet.

„Es gibt in Österreich etwa 800 Menschen, die an Zystischer Fibrose leiden. Eines von 3.500 Kindern kommt mit dieser Erbanlage auf die Welt“, erläuterte Frischer. Beide Elternteile müssen Überträger der entsprechenden Erbanlagen sein.

Zurückzuführen ist diese chronische und bisher nicht heilbare Krankheit auf Defekte bzw. Mutationen im sogenannten CFTR-Gen. Dieses Gen kodiert für einen Chlorid-Kanal, der den Salz- und Wassertransport in Geweben kontrolliert. Liegt hier ein Defekt vor, können die Zellen der betroffenen Organe nicht genügend Wasser aus dem umliegenden Gewebe ziehen, wodurch der Wassergehalt der Sekrete dieser Organe zu niedrig ist und die Sekrete zähflüssig werden. Dies wiederum führt zu den unterschiedlichen Funktionsstörungen der betroffenen Organe (von Lunge über Bauchspeicheldrüse bis zu Leber und Darm).

Langfristig und speziell gefährlich sind dabei die Auswirkungen auf die Lunge: übermäßige Schleimbildung, chronischer Husten, sich wiederholende Infektionen (schwere Lungenentzündungen) und eine damit verbundene chronische Entzündung führen bei den Betroffenen zur zunehmenden Zerstörung von Lungengewebe und damit auch zu einer sich permanent verschlechternden Lungenfunktion bis hin zur Notwendigkeit einer Lungentransplantation. Aber auch Verdauungsstörungen und Untergewicht können CF-Patienten* schwer zu schaffen machen.

Lebenserwartung bei Zystischer Fibrose in den letzten Jahrzehnten gestiegen

„Die Lebenserwartung der Patienten hat sich verbessert. Hatte ein Kind mit Zystischer Fibrose, das Anfang der 1970er-Jahre geboren wurde, nur selten eine Chance, das Erwachsenenalter zu erleben, werden Betroffene, die im jetzigen Dezennium geboren sind, vermutlich mit einer nur gering eingeschränkten Lebenserwartung zu rechnen haben, so Frischer weiter. Weltweit leiden rund 70.000 Menschen an Zystischer Fibrose (kurz CF für Cystic Fibrosis).

CF ist bisher nicht heilbar. Die Patienten benötigen eine umfassende Betreuung. Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten allerdings – vor allem durch Verbesserungen in der begleitenden Antibiotikatherapie zur Verhinderung von Infektionen in Lunge (vor allem durch Pseudomonas aeruginosa-Keime) bzw. zur Behandlung akuter Infektionen – erhöht. Sie kann mittels täglicher Inhalationen (z.B. Colistin, Tobramycin) oder auch mit oral einzunehmenden Antibiotika erfolgen. Bereits seit einigen Jahren gibt es auch eine DNASE-Therapie, bei der durch das Inhalieren eines Protease-Enzyms der für die Zystische Fibrose typische zähe Schleim in der Lunge, der sich dort ansammelt, die Lungenfunktion beeinträchtigt und für Infektionen anfällig macht, abgebaut werden soll.

Hinzu kommt eine Ernährungstherapie, weil die Zystische Fibrose durch die Störung des Salz- und Wasserhaushaltes auch die Funktion von Leber, Bauchspeicheldrüse und Darm beeinträchtigen kann. „Bei bis zu zwei Drittel der Patienten mit CF kommt es zu einer Pankreasinsuffizienz, 20 Prozent erkranken auch an Diabetes“, erklärte der Pädiater. Das dritte Standbein sei schließlich die Physiotherapie mit Atemtraining.

Bisher keine ursächliche Therapie vorhanden

Bisher gab es keine ursächliche Therapie. „Bereits 1990 wurde der Gendefekt entdeckt, welcher der Zystischen Fibrose zugrunde liegt. Es gab große Hoffnungen auf eine Gentherapie. Sie haben sich aber leider nicht bewahrheitet“, betonte der Experte. Der Gendefekt liegt auf dem Chromosom 7. Doch es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es sich bei der Zystischen Fibrose wahrscheinlich um ein ganzes Bündel an Untertypen der Krankheit handelt.

„Es wurden bereits mehr als 2.000 verschiedene Gen-Mutationen identifiziert“, sagte Frischer. Folgende Varianten, die zu unterschiedlichen Ausprägungen und unterschiedlichem Verlauf der Erkrankung führen, sind möglich: Das CFTR-Protein kann als Ionenkanal überhaupt nicht vorhanden sein, nicht funktionieren oder zu früh abgebaut werden.

Neue therapeutische Möglichkeiten

Doch abseits einer möglichen Gentherapie gibt es aktuell doch einige Fortschritte in der Behandlung der Zystischen Fibrose. „Ab Herbst wird auch in Österreich mit einer Kombination der zwei Wirksubstanzen Lumacaftor und Ivacaftor ein neues Medikament zur Verfügung stehen“, so Frischer. Bei einer sehr seltenen Form der Zystischen Fibrose ist die Therapie mit einer dieser Substanzen hoch wirksam. In einer Studie mit Ivacaftor (allein mit Patienten mit Mukoviszidose auf der Basis der sogenannten G551D-Mutation; Anm.), die im November 2011 im New England Journal of Medicine publiziert worden ist, erhöhte sich die Lungenfunktion (gemessen FEV1-Wert) um fast elf Prozentpunkte, die Häufigkeit von sogenannten Exazerbationen (akute Verschlechterung der Lungenfunktion) nahm etwa um die Hälfte ab.

„Es wurde aber auch bei der häufigsten Form der Zystischen Fibrose, die etwa 45 Prozent der Erkrankten mit einer bestimmten Mutation (Phe508del; Anm.) haben, bei der Behandlung mit einer Kombination von Lumacafrot und Ivacaftor eine Wirkung in klinischen Studien belegt“, erklärte der Wiener Pädiater. Die Kombinationstherapie hätte einen mittelgradigen Effekt gezeigt.

In den zwei klinischen Studien, deren Ergebnisse im Juli vergangenen Jahres im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden sind, wurden rund 1.100 Patienten mit Zystischer Fibrose im Alter um die zwölf Jahre entweder im Rahmen von zwei unterschiedlichen Dosis-Regimen behandelt oder sie bekamen ein Placebo verabreicht. Die Studienteilnehmer hatten im Durchschnitt eine um etwa 40 Prozent reduzierte Lungenfunktion. Innerhalb von 24 Wochen verbesserte sich ihre Lungenfunktion (FEV1-Wert) um drei bis vier Prozentpunkte. Die Häufigkeit der Exazerbationen nahm um 30 bis 40 Prozent ab.

Diese Ergebnisse geben Anlass zu Hoffnung. „Wir dürften nun endlich in Richtung einer mehr personalisierten Therapie der Zystischen Fibrose kommen“, fasste Frischer die Situation zusammen. So seien für die Zukunft weitere Verbesserungen beim Management der Erkrankung zu erwarten.

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet. Sofern nicht anders vermerkt, gelten alle Bezeichnungen sowohl für Frauen als auch für Männer.

Kontakt

Prim. Univ.-Prof. Mag. Dr. Thomas Frischer
Wilhelminenspital
Tel.: 01/ 491 50 – 2908
thomas.frischer@wienkav.at

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